Finsterkamnitz, Herbst 1997

Nebel kriecht durch die Fichten und legt sich über die kahlen Halden, die der Bergbau hinterlassen hat. Verwitterte Schilder warnen vor dem Betreten - niemand beachtet sie. Unten im Tal duckt sich Finsterkamnitz an seine Hauptstraße: Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher, leere Schaufenster. Die Bäckerei hat noch offen. Der Rest stirbt langsam. An der Bushaltestelle warten Jugendliche schweigend auf den einzigen Bus, der sie zum Schloss bringt.

Schloss Grauwacke thront über der Stadt - Renaissance-Türme neben DDR-Beton, Stuck neben Wellblech. Zwei Schulen teilen sich das Gelände: die Gesamtschule im grauen Neubau, die Sportschule in den alten Gemäuern. Zwei Banner hängen im Hof, zwei Gruppen fließen durch die Flure ohne sich zu mischen. Im Park dahinter, halb versteckt zwischen verwilderten Linden, führt eine vergitterte Grotte ins Dunkel. Eine verwitterte Tafel erinnert an jemanden mit den Initialen S.K., verschwunden 1978. Niemand spricht darüber.

Abends gehört die Stadt der Stille und den Alten in der Grubenschänke, die in ihre Gläser husten. Nachts gehört sie denen, die sich im Park treffen, wo keine Aufsicht hingeht - Taschenlampen zwischen den Bäumen, geklautes Bier, gedämpftes Lachen. Und manchmal, wenn der Wind richtig steht, trägt er Geräusche aus der Grotte herauf, die eigentlich nirgendwohin führt.